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Durch Anwendung von Verfahren/Lehren habe ich in meinem Leben zeitweise Erfolg darin gehabt, Änderungen in meinem Leben, meiner Lebensweise durchzusetzen (z.B. von 100 auf 80 kg abzuspecken, mittlerweile bin ich wieder fast bei 100) oder einen Anlauf nach dem anderen zu machen, mein Leben immer wieder neu - und diesmal richtig - anzufangen (wozu freiwillig Wechsel der Ausbildung, des Jobs und meist unfreiwillig der Stadt oder der Wohnung gehörten), aber heute sehe ich, daß das alles nur oberflächliche Kosmetik war, ohne daß ich mich im Innersten geändert hätte.
Im Gegenteil. Wenn psychische Probleme im Lauf meines Lebens zu der Leukämie beigetragen haben, so sind diese so präsent wie eh und je und auch nach zweijähriger Psychotherapie (der dritten oder vierten in meinem Leben je nachdem wie weit man den Begriff fasst) ist keine "Veränderung" in Sicht. Ich bin, der ich war. Das ersehnte innere Wachstum, die Einsicht, die Erleuchtung, die Weisheit und das Wissen haben sich nicht eingestellt. Falls die körperliche Krankheit der Ausweg, die letzte Alternative eines psychischen Leidens, der psychischen Erkrankung ist, dann habe ich - nach meiner Lebenserfahrung - keine dauerhafte Macht darüber, diesen Weg nicht weiter zu beschreiten. Vielleicht ist Sinn, Heil und Heilung auch nicht mit dem Willen und dem Verstand zu finden. Vielleicht ist wirklich Lachen die beste Medizin.
Das Welttheater zieht mich weiter hinein in Szenen und Rollen. Aus der unübersehbaren Fülle taucht ab und zu eine vermeintliche Insel der Wahrheit auf, als Verheissung auf festes Land, das sich bisher immer wieder nur als die Spitze eines Eisbergs im weiten Meer der Unwissenheit entpuppt. "Ich denke, also weiss ich, dass ich nichts weiss." (Dekrates). Doch auch wenn ich den Sinn des Ganzen nicht verstehe, so hilft es mir - ebenfalls nach meiner Erfahrung - doch, daran zu glauben, daß es einen Sinn gibt und es deshalb auch Sinn macht, weiterzuleben. Erst recht jetzt mit Glivec. Denn wenn auch der Krebs weiter lauert und die psychischen Mitursachen unverändert weiterbestehen, kann Imatinib mich (und die meisten CML-Kranken) dennoch hoffentlich von der sicheren Aussicht auf nur noch wenige Jahre Dämmer bis zum frühzeitigen Tod bewahren.
Und aufgewacht aus der Interferon-Trübnis kann ich die Scherben zusammenkehren und einen neuen Anfang wagen.
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