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Das Ausmaß der Nebenwirkungen - so lernte ich - ist für Fremde nicht erkennbar. Ich bin der langsame, dumpfe und trübe Mensch, den Interferon aus mir gemacht hat, anders kennen sie mich nicht, denn ich trage kein Schild um den Hals Habe Krebs, leide unter stark dämpfenden Medikamenten-Nebenwirkungen.
Bei wenigen Patienten sind diese verschwindend gering, bei wenigen fürchterlich (so daß Interferon nicht verwendet werden kann), bei den meisten aber auszuhalten. Sie waren anfangs sehr stark und
wurden im Lauf der Monate langsam schwächer.
Stundenlangen Schüttelfrost hatte ich nur beim ersten Mal.
Fieber trat anfangs in den ersten drei Tagen der Interferon-Woche
auf, dann nur noch am ersten Tag, war schliesslich einige Monate so gut
wie verschwunden, um dann wieder häufiger zu kommen. Noch nach einem
Jahr, Anfang September 2002, gab es ein Wochenende mit 38,5 °
Fieber.
Heftige Knochen- und Gelenkschmerzen quälten mich einige
Monate lang und wurden allmählich seltener und schwächer um am
Ende nur noch selten, kurz, aber heftig, aufzublitzen.
Übelkeit machte mir in den ersten Monaten zu schaffen.
Übelkeit und Schmerzen liessen sich gut medikamentös eindämmen
und verschwanden schliesslich so gut wie ganz. Haarausfall begann zwar,
die Haare wurden oben mitten am Kopf ein wenig lichter, und stoppte dann.
Drastische Verdauungseffekte ("Vom Winde verweht"), Bauchgrimmen
verbunden mit sehr übler Laune, Frieren am heissen Sommertag und andere
hässliche somatische Kleinigkeiten waren vergleichsweise leicht zu
ertragen.
Eine ständige unglaubliche Erschöpfung zwang
mich in den ersten Monaten, den ganzen Tag liegend zu verbringen, dämmernd,
schlafend, TV glotzend, wie in einem bösen Traum. Jeder Gang zum Klo
war ein Kraftakt. Einige Wochen war ich zu schwach, um zur U-Bahn zu laufen
und musste mich zu den (damals noch zweimal wöchentlich notwendigen) Blutuntersuchungen mit dem Taxi fahren lassen.
Ich war auf ein Minimum reduziert, sah mir Kindersendungen an, ertappte
ich mich im ersten Vierteljahr dabei, glücklich den Teletubbies zuzusehen,
konnte monatelang keinen Absatz lesen, geschweige denn eine Zeitung, konnte
dem Faden nicht folgen, brachte keinen Sinn in die Sätze. Erst im
März 2002 war ich wieder in der Lage, ein Buch zu lesen. Ich liebte
Quizsendungen, Tiersendungen, Reiseberichte. Tiger und Patagonien. Depression
und Apathie machten aus mir einen braven Zombie fast ohne Wünsche
oder Ziele über den Tag hinaus, ohne Aggression und Libido. So müssen
sich Menschen unter stark dämpfenden Psychopharmaka (Neuroleptika)
fühlen. Als *
Fatigue-Syndrom werden diese Symptome bei Krebs und Chemotherapien
zusammengefasst. Heute weiß ich, daß bei mir das meiste davon
durch Interferon verursacht war.
Die körperliche und geistige Erschöpfung liess im Lauf der Monate nach
nach, ich schlief tags nur noch wenige Stunden, am Ende waren es an den
meisten Tagen nur noch kurze Phasen der Müdigkeit. Erst als Interferon
abgesetzt wurde, wurde mir das ganze Ausmaß der durchlebten Reduktion durch Pegintron
deutlich.
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