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Nein, zum Gralshüter der deutschen Sprache will ich mich keinesfalls aufschwingen - „Erbsenzähler“ gibt es auch in diesem Bereich schon genug. Angebracht sind allerdings ein paar Anmerkungen zum Umgang mit unserer Muttersprache, die in den letzten Jahren einige Tiefschläge wegstecken musste. Unter dem Deckmantel „salopper Stil“, „persönliche Freiheit“ und „regionale Besonderheit“ (nicht zu verwechseln mit Dialekt) wird sie in einer Weise verunstaltet, dass sich mir zuweilen die Nackenhaare sträuben.
Dabei habe ich mich an sprachliches Einerlei und Allerlei sogar schon gewöhnt. Es ist nun mal bequemer, zehnmal das Verb „sagen“ zu verwenden als nach vergleichbaren Begriffen (Synonymen) zu suchen. Auf der anderen Seite gibt’s offenbar keine Grenze für Füllwörter und Ableitungen (keinerlei statt keine Zuversicht, mancherlei Gründe statt manch ein Grund), die vielen Sätzen Länge, aber leider keine Würze verleihen. Auch mit der Fehlbesetzung von Komparativen (öfters statt häufiger) und der Steigerung von Superlativen (einzigste Chance) finde ich mich mittlerweile ebenso ab wie mit dem Hang, aus jedem Verb (Tu-Wort) ein Substantiv (Haupt-Wort) entstehen zu lassen. Substantivierung liegt halt ähnlich im Trend wie feingeistige Verbindungen von Zeit und Ort (..es ist lange her, wo ich zur Schule ging...). Selbst ein apostrophierter Plural ŕ la Pkw’s und Lkw’s (zum Genießen: Personenkraftwagens, Lastkraftwagens) schreckt mich kaum noch. Ganz zu schweigen von holprigen Vergleichen, bei denen Gewichtungen – gewöhnlich durch die Konjunktion als verdeutlicht – durch die Verbindung wie aufgehoben werden. Schlimmer geht’s nimmer? Doch, in Form des Kompromisses „alswie“: Damit können ganz Schlaue der Entscheidung zwischen als und wie aus dem Weg gehen . . . Wie gesagt: Mit all diesen „Sprachvariationen“ kann ich mich noch arrangieren. Keineswegs anfreunden mag ich mich allerdings mit den Angriffen auf Genitiv und Dativ, die Hochkonjunktur haben. In grauer Vorzeit – wer erinnert sich noch? – folgte Präpositionen wie trotz und wegen zwingend der zweite Fall, der jedoch immer stärker ins Abseits rutscht. Ich gebe ja zu: Trotz allem Verständnis stellt Zähne, Zunge und Gaumen (die Keimzelle jeder sinnvollen Artikulation) vor weniger Probleme als trotz allen Verständnisses. Es hat jedoch noch niemandem geschadet, sich ein bisschen anzustrengen. Oder wird der Genitiv nur boykottiert, weil er Unsicherheit produziert? Ein ’s’ anfügen oder gar zwei? Oder keines, weil es sich um einen Eigennamen handelt? Und falls die Entscheidung zugunsten des ’s’ fällt, wie dann vorgehen? Den Buchstaben direkt an das Bezugswort hängen oder sich lieber an der Weltsprache Englisch (Apostroph-’s’) orientieren? – Viele Fragen, noch mehr Lösungen. Oder doch nur eine – wegen des grammatikalischen Hintergrunds? Etwas anders verhält es sich mit dem dritten oder Wem-Fall. Dessen Fan-Gemeinde steigt zwar unaufhörlich, doch dem schönen Merksatz „nicht am Dativ packen“ kann sie offensichtlich wenig abgewinnen. Gebeugt, gezerrt und seiner natÜrlichen Umgebung entledigt, wird dieser Casus immer mehr zum „casus cnaxus“. Könnte er sein Leid klagen, würden uns wohl die Ohren klingen. Mehr allerdings kaum. Was dem Dativ am Ende bliebe, wäre Resignation im besten Feldbusch’chen Sinne: „Ich kann nicht mehr geholfen werden“! Unbehagen bereitet mir außerdem der Umgang mit Punkt und Komma. Unter dem Motto „weniger ist mehr“ wollten die Rechtschreibreformer zwar Klarheit in puncto Zeichensetzung schaffen, doch die Vereinfachungen haben in der Praxis einer Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet, die das Lese-Vergnügen mitunter erheblich einschränkt. Das ist stets dann der Fall, wenn man sich mühsam durch die Lektüre kämpfen muss, weil Haupt- und Nebensätze mangels Satzzeichen kaum voneinander zu trennen sind. Hat der Verfasser jedoch tief in die Satzzeichentüte gepackt und diese hemmungslos Über seinem Text ausgeschüttet, wird’s genauso grausig.
Richtig mies wird mir jedoch bei der Konfrontation mit so genannten Verstärkern. Das sind jene kleinen Teile (Präfixe), die vor ein Verb gestellt werden, um ihm mehr Aus-/Nachdruck, Wert und Kraft zu verleihen. Diese Manie pflegen vor allem Politiker und Experten aller Couleur, die damit bedauerlicherweise die Sprache der Medien und der Straße beeinflussen. Da wird kräftig draufgesattelt, ständig vorprogrammiert, in einer Tour angedacht oder ausdiskutiert, zuweilen abgedämpft, vor allem aber ausgetestet. Dem Einfallsreichtum sind bei diesem Sport offensichtlich keine Grenzen gesetzt, produziert werden allerdings nur Worthülsen. Daher noch mal schwarz auf weiß: Dinge lassen sich testen oder ausprobieren, aber nicht austesten. Damit nun nicht der Eindruck entsteht, jede Veränderung unserer Sprache sei eine Flegelei und mit Vaterlandsverrat gleichzusetzen, soll der Blick zum Schluss auf eine kleine Sprach-Kostbarkeit gerichtet werden. Die Rede ist von der „rheinische(n) Verlaufsform“. Was kann ein karges „ich komme“ gegen ein episches „ich bin am Kommen“ ausrichten?! – Während die gewöhnliche Gegenwartsform nichts außer schnöder Information liefert, lässt uns deren „Verfeinerung“ teilhaben an einem Prozess, der voller Aktivität, Dynamik und Zielstrebigkeit steckt. Zugleich bleibt jedoch offen, wann dieser Vorgang endet: Möglicherweise in drei, vier Minuten, vielleicht jedoch erst in den Abendstunden oder im Morgengrauen? Eventuell aber auch nie! |