ENTE - Betriebszeitung des BTZ-Köln   Seite 1 - Inhaltsverzeichnis - Seite 3 Seite 2

Ich kam zur irischen Musik...

...wie die Jungfrau zum Kind. Das ist nicht übertrieben.

Mein Bruder sagte einmal zu mir: „Glück ist nicht, zu bekommen, was man will, sondern zu wollen, was man bekommt.“ Auch wenn ich diese Aussage nicht immer unterschreiben würde, scheint manchmal etwas dran zu sein.

Als Kind wurde ich hauptsächlich durch meine Eltern und den Musikschullehrer dazu motiviert, Geige spielen zu lernen. In den ersten Wochen war ich noch Feuer und Flamme, weil es etwas ganz Neues war. Aber dann stellte sich recht schnell die Unlust ein. Es war jeden Tag auf’s Neue ein Kampf, den meine Eltern mit mir durchstanden, damit ich regelmäßig Geige übte. Ich habe es nach kurzer Zeit gehasst. Was ich vor allem aber hasste, war das Allein-zu-Hause-Spielen, wobei mir maximal meine Eltern und genervte Nachbarn zuhörten – glücklicherweise vielleicht, denn die ersten Übungen eines Geigenspielers klingen grauenvoll und sind eher eine Qual als ein Genuss für die Umwelt.

geige.jpg

Doch gab es auch ab und zu „Sternstunden“, beispielsweise ein Vorspiel, auf das ich mich freute, oder wenn ich in der Schu-le oder zu Hause zu Weihnachten vorspie-len durfte. Im Gymnasium habe ich mich sogar freiwillig dem Schul-Instrumentalkreis angeschlossen, und wie ich mich erinnere, haben wir auch mal eine Fahrt gemeinsam gemacht, in deren Rahmen wir ein Konzert gegeben haben – vor ganzen acht ZuschauerInnen! Auch haben wir mal eine Schallplatte produziert, die dann beim Schulfest verkauft wurde – und ich war recht stolz, dass ich darauf zu hören war!

Das alles konnte mich jedoch nicht motivieren, dabei zu bleiben. Spätestens mit vierzehn Jahren fand ich Klassik einfach nur noch „doof“. Ich fing an, Beatles, Stones, The Who, Doors und Led Zeppelin zu hören, den ganzen Sechziger- und Siebziger-Jahre-Kram, und träumte von einer Karriere als Rock-Musikerin. Weil die Geige da aus meiner damaligen Sicht so gar nicht ’reinpasste, habe ich die Klamotten einfach hingeworfen und den sündhaft teuren Geigenunterricht abgebrochen, ganz zum Leidwesen meiner Eltern, die immerhin viel Geld dafür investiert hatten.

Ich fing an, Gitarre zu lernen, und meine Mutter nahm sogar Kontakt zu einem Gitarrenlehrer auf, der mir auf privater Basis Stunden gab. Doch über ein paar Griffe und ein paar Folk-Picking-Muster bin ich nie hinausgekommen. Denn ich war einfach faul und hatte selten Lust zum Üben – so gab ich den Gitarrenunterricht auch bald wieder auf – nur gelegentlich griff ich mal zur Gitarre, um ein paar Lieder zu singen, die mir gefielen, und mich selbst dazu zu begleiten. Doch reichte dies bei weitem nicht aus, um in einer Band mitzuspielen, wovon ich von Zeit zu Zeit zwar immer mal wieder träumte, aber nicht bereit war, hart dafür zu arbeiten.

Viel später, bereits in Bonn, lernte ich jemanden kennen, der E-Gitarre spielte, und ich lag ihm immer in den Ohren, dass ich so gern Musik machen würde, am liebsten in einer Rockband – aber nicht die richtigen Kontakte hätte. In der Tat hatte ich diese Kontakte als Jugendliche bereits nicht gehabt – in einem Alter, in dem viele Jugendliche anfingen, sich zu Bands zusammen zu schließen, war ich doch recht einsam und eine ziemliche Außenseiterin. Doch eine viel simplere Erklärung dafür, dass ich bei keiner Band hätte landen können, war, dass ich einfach nicht viel konnte. Meine „Lagerfeuer-Kenntnisse“ auf der Gitarre reichten eben nicht aus, und an Singen war gar nicht zu denken, das hätte einen Saal eher geleert als gefüllt.

Irgendwann jedoch besann ich mich dar-auf, dass ich doch mal Geige gelernt hatte – und wenn ich wirklich gerne Musik ma-chen würde, warum sollte ich es nicht mit diesem Instrument noch mal versuchen?? So packte ich die alte Geige, die noch zu-hause bei meinen Eltern im Spind verrotte-te, ein und nahm sie mit nach Bonn.

Kurze Zeit später, Anfang 2002, nahm mich mein Bekannter, Winni, der Gitarren-spieler, mit zu einem „schottischen Nach-mittag“ nach Vettelhoven, an dem ver-schiedene MusikerInnen und TänzerInnen mit irischer und schottischer Musik auftra-ten. Winni stellte mir Tom vor, und der erzählte, dass er gerade an der Bonner Musikschule eine neue Irish-Folk-Band aufbaue, und wenn ich Lust hätte, könnte ich mit meiner Geige ja mal vorbeikom-men. Zuerst dachte ich: „Irish Folk, na ja, ist ja ganz nett. Aber das ist doch nicht das, was ich machen wollte.“ Dann aber überlegte ich mir, dass ich ja nicht so viel zu verlieren hätte, wenn ich mal hin ginge – zumal ich zwar immer davon träumte, in einer Rockband zu spielen, aber weder entsprechende Techniken beherrschte noch Kontakt zu Leuten hatte, mit denen ich das hätte umsetzen können. Ich ent-schloss mich also, am Dienstag darauf in die Musikschule zu gehen. „Das kann nicht falsch sein, dann kommst du wenigstens mal wieder ins Spielen“, dachte ich.

band.jpg

In Tom’s Musikschul-Ensemble wurde ich recht begeistert aufgenommen, denn die Gruppe hatte zu der Zeit keine Geige. Ich lernte die verschiedenen irischen Tunes (Instrumentalstücke, zu denen auch getanzt wird) kennen: Reels und Jigs werden schnell gespielt, Hornpipes sind etwas gemütlicher, und Polkas kann man gar nicht schnell genug spielen. Das Tempo machte mir die größten Probleme. Es gab zu der Zeit im Bonner Irish Pub „Fiddlers“ einmal im Monat eine Session, zu der sich alle Musiker trafen, um dort gemeinsam zu musizieren. Doch hatte ich keine Chance, dort mitzuspielen, da ich bisher nur einige wenige Tunes kannte und die ganze Trup-pe alles in einem Affenzahn ’runterspielte, den ich nicht für menschenmöglich gehal-ten hätte. Von der Zeit an ging ich regel-mäßig zur Musikschule und lernte immer mehr neue Tunes und auch Lieder, die ich anfangs gar nicht mochte, weil ich dachte, dass es für mich bei den Liedern nicht viel zu tun gab – konnte ich doch nicht singen, und begleitet wurden die Lieder im Wesentlichen von Gitarre und Harfe. Doch sollte ich später noch sehen, wie man die Geige bei Liedern einsetzen kann...

Leider hatte sich an meiner Einstellung zum Zu-hause-Üben nicht so viel geändert. Ich freute mich zwar immer auf die Proben in der Musikschule, doch kostete es mich meistens zu Hause &Üuml;berwindung, die Geige auszupacken – auch wenn ich es gelegentlich tat. Da sprach mich eines Tages Herbert, ein Flötenspieler, an, und fragte, ob wir nicht gemeinsam &Üuml;ben könnten. Seitdem gab es einen zweiten regelmäßigen &Üuml;betag, denn mit ihm zusammen konnte ich mich plötzlich ganz anders motivieren.

Eine Zeit lang lag die Musik dann aber völlig brach, da ich im Sommer und Herbst 2002 eine Fortbildung in Köln machte, die mich gnadenlos überforderte und meine ganzen Kräfte fraß. Ich ging Monate lang nicht zur Musikschule. Im Dezember entschied ich mich dann, die Fortbildung abzubrechen, weil ich fix und fertig war. Ich nahm die Musik wieder auf. Inzwischen gab es auch eine weitere Session im „Fiddlers“, die mehr für AnfängerInnen wie uns gedacht war und wo ich das erste Mal vor „Publikum“ spielen konnte. Sessions sind natürlich keine Konzerte. Eine Gruppe von MusikerInnen sitzt locker um einen Tisch herum, und jeder, der sich dazu gesellt, macht mit. Dennoch gibt es in der Kneipe auch ZuhörerInnen, und wenn es denen Spaß macht, freut es die MusikerInnen.

In der Musikschulgruppe begannen sich unterdessen Teilgruppen herauszubilden, und so hatten Keth, Herbert, Michael und ich den Einfall, wir könnten uns ja auch mal öfter im kleinen Kreis zum Üben tref-fen. Eines Tages, als wir bei mir zu Hause waren, hatte Herbert die Idee: „Lasst uns mal ins Café Tiferet gehen und da nach-fragen, ob wir dort spielen können.“ Das Café Tiferet ist eine esoterisch ange-hauchte Kneipe im Bonner Norden, die zu der Zeit fast an jedem Abend Live-Musik anbot. Unsere Aktion war zunächst als lockere Session gedacht. Die Wirte der Kneipe meinten aber dann, wir sollten uns auf die Bühne setzen, und so wurde aus der Session ein richtiges kleines Konzert. Ab dem Zeitpunkt, etwa Oktober 2003, sind wir zweimal monatlich, immer mon-tags, im Tiferet aufgetreten. Oft waren nur sehr wenige ZuhörerInnen da, worüber wir einerseits enttäuscht waren, andererseits waren diese Auftritte ein gutes Trainingsfeld, um Bühnenerfahrung zu sammeln, denn wenn nur wenige ZuhörerInnen da waren, fiel es nicht so sehr ins Gewicht, wenn wir uns schon mal verspielten. Während unserer Auftritte wurde ein Hut herumgereicht, und so bekamen wir am Ende des Konzertes ein bisschen Geld. Das war allerdings eher eine symbolische Geste, weil es sehr wenig war. Da unsere Band keine/n Sänger/in hatte, waren wir darauf angewiesen, GastmusikerInnen zu bitten, uns bei unseren Auftritten zu unterstützen. Das waren in der Regel Andrea und Margret. Nun brauchten wir aber auch einen Namen, und nach einigem Hin und Her einigten wir uns auf „Last Night’s Fun“, das ist der Name eines irischen Tunes.

Nach einer gewissen Zeit fassten wir den Mut, auch in anderen Kneipen vorstellig zu werden. Es bildete sich zudem im Frühjahr 2004 eine zweite Teilband, die aus Michael, Margret, Keth und mir bestand. Diese Band setzte im Gegensatz zu Last Night’s Fun ihren Schwerpunkt auf Lieder, und Margret war die Sängerin. Zu ihren Liedern durfte ich mit der Geige nach Herzenslust zweite Stimmen improvisieren, was uns allen sehr gut gefiel. Margret’s Band, die zunächst keinen Namen hatte, trat mehrfach in der „Weinstube Alt-Kessenich“ auf und einmal in der „Laterne“, ebenfalls in Kessenich. Aber auch Last Night’s Fun hatte einen Gig in der „Laterne“, und durch einen glücklichen Zufall bekamen wir Kon-takt zu einem Kultur- und Internetcafé in Bonn-Brüser Berg, dem Café JUCKS. Hier gaben wir im Juli 2004 unser letztes Kon-zert vor einer längeren Sommerpause. Zu der Zeit „verdienten“ wir in den Kneipen zwischen 100 und 200 Euro pro Auftritt – eine kleine Anerkennung, die uns sehr freute.

bogen.jpg

Persönliche Gründe führten dazu, dass ich nach dem Sommer aus „Margret’s Band“ ausgestiegen bin und Michael Last Night’s Fun verließ. Andrea erklärte sich bereit, bei Last Night’s Fun kontinuierlich als Sängerin mitzumachen. Da sie keine Zeit hat, zu den Proben zu kommen, fertigen wir Aufnahmen von den Proben, mit deren Hilfe sie sich dann auf die Auftritte vorbereiten kann. Die andere Gruppe machte zunächst zu dritt weiter, mit wechselnden GastmusikerInnen, und gab sich den Namen „The Foggy Stew“. So sind zwei voneinander unabhängige Bands entstanden, und Keth ist inzwischen der einzige, der in beiden Bands fest vertreten ist.

Obwohl Irish Folk eigentlich nie die von mir bevorzugte Musikrichtung war, bin ich dabei geblieben, und es macht mir viel Spaß, vor allem, wenn wir auf Auftritte hinarbeiten. Denn es ist ein schönes Gefühl, wenn es gelingt, das Publikum zu erfreuen und die Rückmeldung zu bekommen, dass es den Leuten gefallen hat. So habe ich nicht unbedingt bekommen, was ich wollte, aber ich will, was ich bekommen habe... und dies wäre nicht möglich gewesen, wenn meine Eltern mich als Kind nicht so getriezt hätten, Geige zu &Üuml;ben. Bei manchen Dingen begreift man eben unter Umständen erst viel später, wozu sie gut waren...


Seite 1 - Inhaltsverzeichnis - Seite 3