ENTE - Betriebszeitung des BTZ-Köln   Seite 9 - Inhaltsverzeichnis - Seite 11 Seite 10

Was der Mensch braucht

Biblische Bemerkungen zum Thema von Walther Lechler (aus RADIUS Nr. 2/1978)

Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh nach Hause. (Matth. 9, 6) Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. (Psalm 42, 2)

Mit den Begriffen Leid und Leiden verbinden wir oft die Vorstellung von schmerzvollen Krankheitszuständen, Verletzungen, Missbildungen, Behinderungen, chronischen, unheilbaren Störungen und körperlicher Folter und Qualen. Leiden und Leid reißen aus dem Leben, aus der täglichen vertrauten Welt Die Melodie des Lebensrhythmus bricht ab, ein dün-ner Dialog zerbricht wie sprödes Glas. Wir werden vor etwas Neues hingeführt und hingestellt, um uns zu äußern, um eine Antwort zu geben, um Ver-ANTWORT-ung für uns - erwachsen und mündig - zu übernehmen, in dem Sinne von «Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh nach Hause» (Matth. 9, 6).

Doch gerade dies, die Herausforderung, der Anruf und die Konfrontation durch unseren Partner 'Welt', der Antwort erheischt, macht uns Angst. Wir hatten uns in unserem Zustand, auf unserer Tragbahre – Mitver-ANTWORTUNG der anderen - gerade eingerichtet. Wir erlebten uns gehalten und getragen. Die Tragbahre ist unsere Welt, die wir uns selbst gezimmert haben in unseren Theorien und Konzepten. Wir haben vielleicht auch unsere Einengung, Begrenzung und Einschränkung wie ein gemütliches Elend hingenommen. Jede Änderung des Zustandes, die von uns Aufrichtung (Aufrichtigkeit), und Fort-schreiten (Fortschritt) zum Erwachsensein, zu Reife und Mündigkeit verlangt, wird für uns eine schmerzliche Erfahrung, verursacht bei uns ein Unwohlsein, das Gefühl der Ohn-Macht, des Un-Beholfenseins, des Un-Behagens (das heißt ohne Hag, schutzlos, ausgeliefert), des Ent-Zweitseins, Un-Einsseins, der Heil-Losigkeit, des Un-Heils, des Mangels, eines Defizits, eines Unvermögens. Wir fühlen uns dem Anspruch des Partners 'Welt' nicht gewachsen, spüren unsere vielfältige Unzulänglichkeit.

Dieses Leiden an der Welt, an dem ungelösten Widerspruch zwischen unserer Wirklichkeit (Tragbahre) und der tatsächlichen Wirklichkeit, manifestiert (manu-fa-cere) sich sowohl in den körperlichen Störungen, wie auch in den Socio-Psycho-Somatosen und den so genannten psychischen Erkrankungen. Dies sind Not- und Hilfeschreie. Leid und Leiden, ganz gleich welcher Art, drücken einen existentiellen Mangelzustand aus, der nicht besser als mit den Begriffen von Hunger und Durst ausgedrückt werden kann: «Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir» (PS. 42, 2).

Qualvolle Zustände, in denen der Mensch keinen Schmerz mehr erlebt, sondern ganz Schmerz geworden ist, Depressionen, Schuldgefühle, Selbstvorwürfe, Angstzustände, Verzweiflung, Zerknirschung, Trauer, maßloser Hass, Eifersucht, mannigfache Aspekte von Hunger und Durst nach Sinn, sind keine Krankheiten, die behandelt werden können oder be-handelt werden müssen. Sie drücken alarmierend Mangel aus, Mangel an Brot und Wasser, das Leben spendet, und Mangel, Unvermögen, dieses Brot und Wasser zu besorgen. - Fragen wir doch auch ganz spontan auf deutsch: «Was fehlt dir?» Während wir in Forschung und Analyse nachweisen, welcher frühere Mangel den jetzigen Mangel erzeugt, verursacht haben könnte, und aus welchen Gründen es bislang unmöglich war, den Mangel abzustellen, wird die Not immer größer und dadurch unser Blick auf die unendliche Fülle, die uns versprochen und für uns bereitgehalten ist, verstellt und unsere Hin-Gabe an das, was ewiges Leben sein könnte, verhindert. Wenn wir leiden, hungert es uns nach dem Brot, «das vom Himmel herabgekommen ist; ... Wer dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit» (Joh. 6, 58). kirche.jpg Was wir aber erhalten sind Steine, Chemie, sauber verpackt, die uns unseren Hunger und Durst vergessen lassen. Dann erleben wir nicht mehr unsere Vereinzelung, unsere Trennung von der unendlichen Fülle, Ganzheit, die Himmel genannt ist. Dann wissen wir nicht mehr, dass nur unser Hunger und Durst uns dazu bringen können, nach dem Himmel zu greifen, der uns versprochen ist, damit er sich mit der Erde verbinde in uns, wenn wir ihn uns einverleiben.

Tagtäglich gehen wir an den Brunnen unserer Väter, in unsere Fabriken, Institute, Universitäten, Forschungsstätten - wie die Samariterin mit ihrem Krug zum Jakobsbrunnen bei Sychar (Joh. 4, 2-42): «Der Brunnen ist tief». Vielleicht geschieht es oder ist bereits geschehen, dass ein Andersdenkender, mit dem wir nichts gemein haben - wie Jesus damals -, an den Brunnen tritt und uns um Wasser bittet. Die Samariterin sagte: «Wie kannst du als Jude eine Samariterin um Wasser bitten? Die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern». Wir würden sicher wie diese Frau empfinden, dass etwas Ungewöhnliches, unseren Denkgewohnheiten und unserer Vorstellungswelt Entgegengesetztes abläuft. Jesus antwortete ihr: «Wenn du wüsstest, was Gott gibt, und wer er ist, der zu dir sagt: Lass mich trinken, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.» Wir würden wie diese Frau glauben, dass nur aus unserem Brunnen, aus unserer Vorstellung, das Neue kommen könnte. Wir hätten aus unserer Sicht auch begründete Zweifel - wie diese Frau - und würden - wie sie - antworten: «Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser?» - Wir würden auch unsere Welt in Frage gestellt sehen und wie die Frau fortfahren: «Bist du denn größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben hat...» Der Fremde würde uns, wie Jesus damals, aus unserer diesseitigen Schau herausreißen und sagen: «Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder durstig sein.» -Ihr könnt euch anstrengen soviel ihr wollt. Ihr könnt Ursachenforschung betreiben, wie es euch beliebt, ihr werdet nie ans Ende, an die Stillung eures Hungers und Durstes nach dem wahren Sinn kommen. «Aber wer von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird nicht mehr durstig sein; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur Quelle werden, die Wasser für das ewige Leben ausströmt.» Würde es uns gelingen - genau wie es die Samariterin getan hat -, den Fremden zu bitten: «Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich nicht mehr durstig werde und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.»? Als schon der neue Tag anbrach am See von Tiberias und einige Jünger Jesu müde und hungrig, ohne auch nur einen Fisch gefangen zu haben ans Ufer zurückkehrten, war dort ein Fremder, ähnlich wie am Brunnen von S., der ihnen die Frage stellte: «Habt ihr nicht etwas zu essen?» Als sie verneinen mussten, da sagte er zu ihnen: «Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet Fische fangen». Sie fuhren unwillig wieder hinaus. Und das Netz war prall voll und zerriss nicht. Wenn wir in der rechten Gesinnung in die Zeit greifen, erhalten wir aus ihrem Dunkel in Hülle und Fülle neue Ideen, neue Gedanken, neuen Geist, der Speise ist, die uns satt und damit unserem Leiden ein Ende macht.

Siehe auch:
Jacqueline Lair, Walther Lechler, Von mir aus nennt es Wahnsinn, Kreuz-Verlag.
http://www.foerder-kreis.de


Seite 9 - Inhaltsverzeichnis - Seite 11